Kategorie: Momentum-Oszillator
Der RSI im Überblick
Definition
Der RSI (Relative Strength Index, auf Deutsch Relative-Stärke-Index) misst das Momentum und die Geschwindigkeit von Kursbewegungen. Stell ihn dir als Tachometer für eine Aktie oder einen beliebigen anderen Finanzwert vor. Dargestellt wird er als Linie, die stets zwischen 0 und 100 schwankt.
Wozu dient er?
Seine Hauptaufgabe ist es, Übertreibungen am Markt aufzuspüren.
Märkte steigen (und fallen) nicht endlos in gerader Linie. Der RSI hilft dir zu erkennen:
- wann den Käufern die Kraft ausgeht (Rückschlagrisiko);
- wann den Verkäufern die Puste ausgeht (Chance auf eine Erholung).
Die Formel
Hinweis: Auf Investminder läuft diese Berechnung automatisch.
Kern der Berechnung ist der Vergleich zwischen den jüngsten Gewinnen und Verlusten:

Dabei ist RS (Relative Strength) der Durchschnitt der Gewinne geteilt durch den Durchschnitt der Verluste über den gewählten Zeitraum.
Einfach gesagt: Je zahlreicher und kräftiger die Aufwärtstage im Vergleich zu den Abwärtstagen ausfallen, desto weiter klettert der RSI Richtung 100.
Ein Indikator, verschiedene Zeiträume (9, 14, 21)
Die Standardeinstellung sind 14 Perioden (meist 14 Tage), du kannst sie aber an deinen Stil anpassen:
- RSI 9 (kurzfristig): nervöser. Reagiert sehr schnell auf Kursänderungen, liefert dafür mehr Fehlsignale. Nützlich für kurzfristiges Handeln.
- RSI 14 (Standard): das beste Verhältnis aus Reaktionsfreude und Verlässlichkeit. Die Einstellung, die die meisten Anleger nutzen.
- RSI 21 (langfristig): ruhiger. Filtert das Marktrauschen heraus und zeigt nur die übergeordneten Trends. Ideal fürs passive Anlegen.
Der RSI in der Praxis

Wie du ihn liest: die entscheidenden Zonen
Zum Handeln behältst du zwei kritische waagerechte Linien im Blick:
- Überkaufte Zone (> 70): Der Wert ist zu schnell gestiegen und wird kurzfristig „teuer“. Eine Korrektur ist wahrscheinlich.
- Überverkaufte Zone (< 30): Der Wert wurde kräftig abverkauft und wird kurzfristig „billig“. Eine technische Erholung ist möglich.
- Neutrale Zone (30 bis 70): Der Markt sucht Richtung oder folgt einem etablierten Trend ohne Übertreibung.
Konkrete Anwendungsfälle
- Mögliches Kaufsignal: Der RSI fällt unter 30 (überverkauft) und durchbricht die 30er-Linie anschließend wieder nach oben. Ein Zeichen, dass die Käufer die Kontrolle zurückgewinnen.
- Verkaufssignal (oder Gewinnmitnahme): Der RSI steigt über 70 (überkauft) und fällt anschließend wieder unter die 70er-Linie. Die Euphorie lässt nach; häufig der Moment, Gewinne zu sichern.
Fallstricke
- Die Falle des starken Trends: In einem sehr festen Markt kann der RSI wochenlang über 70 „kleben“ bleiben. Wer zu früh verkauft, verpasst einen großen Teil des Anstiegs.
- Nie allein verwenden: Der RSI zeigt nicht die Richtung des Trends an, sondern seine Stärke. Kombiniere ihn immer mit einem zweiten Werkzeug, etwa einem gleitenden Durchschnitt, um deine Entscheidung abzusichern.
Umkehrmuster: die Divergenzen
Das ist die heimliche Stärke des RSI. Eine Divergenz entsteht, wenn Kurs und RSI nicht dasselbe erzählen.

- Bullische Divergenz:
- Der Kurs markiert ein neues Tief, fällt also weiter.
- Der RSI markiert ein weniger tiefes Tief und beginnt zu steigen.
- Bedeutung: Dem Abwärtstrend geht die Kraft aus, eine Wende nach oben steht bevor.
- Bärische Divergenz:
- Der Kurs markiert ein neues Hoch, steigt also weiter.
- Der RSI schafft kein neues Hoch mehr und fällt zurück.
- Bedeutung: Der Anstieg trägt nicht mehr, Vorsicht vor einem Rückschlag.
Strategien für Fortgeschrittene
Die Mittellinie: das Niveau 50
Die 50er-Linie wird oft übersehen. Dabei wirkt sie häufig als unsichtbare Unterstützung oder Widerstand.
- Im Aufwärtstrend: Der RSI dreht oft schon bei 50 (oder 40) nach oben, ohne bis auf 30 zu fallen. Bleibt er über 50, haben die Käufer das Sagen.
- Die Strategie „50er-Kreuzung“: Manche Händler warten gar nicht auf die Extremzonen. Sie kaufen, wenn der RSI die 50 nach oben durchbricht, als Bestätigung positiven Momentums, und verkaufen beim Durchbruch nach unten.
Die Verschiebung der Spanne
Die Zonen 30 und 70 sind nicht in Stein gemeißelt. Je nach übergeordnetem Trend verschieben sich die Umkehrzonen – eine Theorie, die auf Andrew Cardwell und Constance Brown zurückgeht.
- Im Bullenmarkt: Der RSI schwankt meist zwischen 40 und 80.
- Praxistipp: Warte nicht auf 30, um zu kaufen. Ein Rücksetzer auf 40 ist oft eine ausgezeichnete Gelegenheit zum Nachkaufen.
- Im Bärenmarkt: Der RSI schwankt meist zwischen 20 und 60.
- Praxistipp: Eine Erholung bis 60 ist oft eine Verkaufszone, denn der RSI wird sich schwertun, die 70 zu erreichen.
Die „Failure Swings“
Das ist das „reine“ Signal, das Welles Wilder, der Erfinder des RSI, bevorzugte: Es berücksichtigt den Kurs gar nicht, sondern allein die Form des RSI. Für die Bestätigung einer Wende ist es sehr aussagekräftig.
- Bullischer Failure Swing (Kauf):
- Der RSI fällt unter 30 (überverkauft).
- Er steigt, fällt wieder zurück, aber nicht mehr unter 30: Er bildet ein höheres Tief.
- Er durchbricht sein vorheriges lokales Hoch nach oben.
- Es entsteht eine „W“-Formation knapp über oder auf der überverkauften Zone.
- Bärischer Failure Swing (Verkauf):
- Der RSI steigt über 70.
- Er fällt, steigt wieder, schafft es aber nicht über 70 oder über sein vorheriges Hoch.
- Er durchbricht sein vorheriges lokales Tief nach unten.
- Es entsteht eine „M“-Formation.
Analyse über mehrere Zeitebenen
Ein RSI-Signal auf einer einzelnen Zeitebene kann in die Irre führen. Profis schauen immer auch auf die nächsthöhere Ebene.
- Beispiel: Siehst du im Tageschart ein überverkauftes Kaufsignal, prüf den Wochenchart.
- Ist der Wochen-RSI aufwärtsgerichtet (über 50), ist das Tagessignal eine ausgezeichnete Gelegenheit.
- Ist der Wochen-RSI abwärtsgerichtet, bleibt das Tagessignal wahrscheinlich eine kurzlebige Erholung – ein sogenannter Dead-Cat-Bounce.
