Praxisleitfaden: das zusammengesetzte Momentum (1-3-6 und 3-6-12)

Kategorie: Werteauswahl (Screening und Ranking) sowie Trendverfolgung


Das zusammengesetzte Momentum im Überblick

Definition

Das zusammengesetzte Momentum ist ein Bewertungsverfahren, das die Entwicklung eines Wertes über mehrere Zeiträume gleichzeitig misst.

Statt nur darauf zu schauen, ob eine Aktie gestern oder im letzten Monat gestiegen ist – was bloßes Rauschen sein kann –, betrachtet man ihre „Verfassung“ kurz-, mittel- und langfristig zugleich.

  • Das Ziel: Werte mit einem belastbaren und tragfähigen Aufwärtstrend erkennen und jene aussortieren, die nur kurzlebige Bewegungen zeigen.

Die zwei gebräuchlichen Varianten

  • Momentum 1-3-6 (das „taktische“): reaktionsfreudiger. Ideal, um Trends früh im Zyklus einzufangen, oder für dynamischere Portfolios.
  • Momentum 3-6-12 (das „strategische“): ruhiger. Es glättet das kurzfristige Rauschen vollständig und richtet den Blick auf die schweren, tief verankerten Trends.

Die Formel

Der Indikator ist ein schlichtes arithmetisches Mittel vergangener Wertentwicklungen (ROC, Rate of Change, also Änderungsrate).

Für das Momentum 1-3-6:

Für das Momentum 3-6-12:

Beispiel: Hat eine Aktie in diesem Monat 2 % zugelegt, über 3 Monate 10 % und über 6 Monate 24 %, beträgt ihr Momentum-1-3-6-Wert 12 %.


Das zusammengesetzte Momentum in der Praxis

Wozu dient es? Zum Ranking

Dieser Indikator dient nicht wirklich dazu, überkaufte oder überverkaufte Lagen zu erkennen. Er dient dem Vergleich.

Stell dir vor, du schwankst zwischen einer Apple- und einer Tesla-Aktie. Du berechnest für beide den 1-3-6-Wert. Die Aktie mit dem höheren Wert hat die bessere Gesamtdynamik, also die größere Beharrungskraft.

Ranking nach Momentum

Wie du ihn deutest

  • Positiver Wert: Der durchschnittliche Trend zeigt nach oben.
  • Negativer Wert: Der durchschnittliche Trend zeigt nach unten – besser meiden.
  • Steigender Wert: Der Titel beschleunigt, das Momentum verstärkt sich.

Anwendungsfall: die Sektorrotation

Die Lieblingswaffe der Portfoliomanager.

  1. Nimm die zehn oder elf großen Wirtschaftssektoren (Technologie, Gesundheit, Energie …).
  2. Berechne für jeden das Momentum 3-6-12.
  3. Investiere ausschließlich in die ersten drei der Rangliste.

Warum? Weil das Geld dorthin fließt, wo das Wachstum am kräftigsten und am beständigsten ist.


Besonderheiten, die du kennen solltest

Es ist kein Timing-Werkzeug

Ein hoher Wert bedeutet, dass die Aktie bereits stark gestiegen ist. Nutz diesen Indikator nicht, um am Tiefpunkt kaufen zu wollen. Du kaufst einen bereits bestätigten Trend: teuer kaufen, um teurer zu verkaufen.

Die Gefahr des abrupten Umschwungs (Momentum Crash)

Werte mit starkem Momentum 1-3-6 sind oft jene, die alle mögen. Kommt eine schlechte Nachricht, kann der Absturz heftiger ausfallen als bei anderen Titeln, weil alle gleichzeitig aussteigen.

Der Unterschied zum gleitenden Durchschnitt

Der gleitende Durchschnitt sagt dir, ob der Kurs über seinem Mittelwert liegt. Das zusammengesetzte Momentum sagt dir, wie schnell er sich von seinem Ausgangspunkt entfernt. Es misst Geschwindigkeit, nicht bloß Position.


Für Fortgeschrittene

Die Gewichtung (gewichtetes Momentum)

Manche Fachleute geben den jüngsten Monaten mehr Gewicht, um die Reaktionsfreude zu erhöhen.

Der Sicherheitsfilter

Damit du keinen Wert kaufst, der über zwölf Monate starkes Momentum zeigt, aber vergangene Woche eingebrochen ist, ergänzt man meist eine einfache Bedingung:

  • Regel: kaufen, wenn das zusammengesetzte Momentum > 0 ist UND der aktuelle Kurs > 200-Tage-Durchschnitt liegt.

Von der Theorie in die Praxis

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